“Abua Bua Bua” Theaterstück erhält Kronstädter Kulturpreis

90 Jahre Geschichte der deutschen Minderheit in Rumänien, 50 Zuschauer, 6 Jugendliche, 2 Sprachen. Eine Aufführung die Freude, Frust, Angst und den Wunsch nach Freiheit aus einer anderen Zeit, gesehen durch die Augen von unvoreingenommenen Jugendlichen zeigt. Ein Projekt welches Ende Februar als die beste Tanzvorstellung/Performance des Jahres 2019 in Kronstadt ausgezeichnet wurde.

Petra Antonia Binder begleitete die Jugendlichen, Schüler des Johannes Honterus Kollegs und des Hans Mattis-Teutsch Lyzeums, in Gesprächen über die Geschichte, durch deren Empörung über das Angetane. Sie hob die Toleranz zwischen den ethnischen Minderheiten hervor und antwortete den Jugendlichen auf Fragen über Identität und Zugehörigkeit(en) und stellte Alles in den Kontext des Funktionierens von Gesellschaften, eingebettet in die jeweilige Zeit. Sie baute das Stück mit den Jugendlichen und im Einklang mit deren Empfindungen auf. Nicht nur die Regie des Stückes entstand somit, durch gezieltes Arbeiten an Bewegung und tänzerischem Ausdruck wurde auch die Choreographie gemeinsam erarbeitet.
Das Ergebnis, die Bühnenbewegung, die Auswahl der Musik, der Tanz, die Mischung von Text und Sprache, letztere zu Beginn ein Zeichen der Harmonie, schlussendlich ein Grund zur Spaltung – haben das Publikum bewegt und dazu angeregt, mehr wissen zu wollen – sich an vergangene Zeiten zu erinnern. Ein Erfolg, würden wir sagen, ein Erfolg insbesondere für die Schauspieler auf der Bühne welche nicht nur für 40 Minuten Theater gespielt haben, sondern die nach diesem Projekt ein neues Verständnis für Begriffe wie Multikulturalität, Unterdrückung, Flucht, Auswanderung und Sprache haben. Ein Erfolg auch in Kronstadt, wo die Vorstellung am 25. Februar 2020 den Hauptpreis in der Kategorie ‘Tanzvorstellung / Performance des Jahres 2019 in Kronstadt’ erhielt! Nominiert war das Stück gemeinsam mit 4 anderen Vorstellungen von anerkannten Kronstädter Kulturvereinen.

Es beginnt mit einem Spiel. Einem Kinderspiel. “Cici! Ilinca! Hänschen! Maria!”

“Irgendwo auf der Welt Gibt’s ein kleines bißchen Glück, Und ich träum’ davon in jedem Augenblick. Irgendwo auf der Welt Gibt’s ein bißchen Seligkeit, Und ich träum’ davon schon lange lange Zeit.”

Comedian Harmonists, ” Irgendwo Auf Der Welt”

Doch dann. Lachen, immer lauter, absurd, grässlich, schreiend, Stop. Die Geschichte fährt fort. Sie hat keine Zeit.

Culcă-te, puiuţ micuţ,
Scoală-te mărişoruţ,
Culcă-te şi te abuă
(…)
Abu, abu, abua,
Abua, ţucu-l maica,
Nu te teme tu de zmei,
I-a goni maica pe ei (…)

Schlafe, kleines Kindelein,
Wache auf, wenn du groß bist,
Schlafe, lasse dich wiegen
(…)
Abu, abu, abua,
Abua, deine Mutter liebt dich sehr,
Habe keine Angst vor Drachen,
Deine Mutter wird sie verjagen
(…)

A abua (Rumänisch) heißt “in den Schlaf wiegen”, “jemanden einschläfern, beruhigen”. Die Verse sind aus dem Stück “Cântec de leagăn” von Maria Tănase.

https://dexonline.ro/definitie/abua

Es musste keine Bombe fallen, bevor Freundschaften durch den Widerhall der dicken Fußsohlen auf der Bühne verloren gehen.

Eins-Zwei-Drei-Vier, Eins-Zwei-Drei-Vier

Die einen zogen in die Rumänische, die anderen in die Deutsche Armee. Man hoffte auf ein Wiedersehen, das für lange Jahre oder für immer ausbleiben musste. Krieg, das Verbot ins Heimatland zurück zu kommen, Deportation. Familien wurden getrennt, das Zuhause mussten sich viele anderswo suchen. Und die die geblieben sind oder bleiben konnten, lebten in einer Scheinfreiheit.

Brot? Brot? Pâine? Brot? Ja – Da – Ja – Ja

Lapte? Milch? Milch? Milch? Ja – Ja – Ja – Da

Fleisch? Fleisch? Fleisch? Carne? Nu! – Nein! – Nein! – Nein!

Ungeduldig in der Schlange stehen, Geduld haben und darauf hoffen, dass man das rationierte Essen welches einem zustehen sollte, doch noch bekommt. Es hat nicht das erste “Nein” gebraucht, bevor die ersten ihre Koffer gepackt haben. Wohin? Womit? Weg, nur weg. Mit allem was man mit den eigenen zwei Händen tragen konnte. Und dann die Wende. Eine Revolution? Endlich kommt Farbe ins Leben. Die Jugendlichen tanzen zu westlicher Musik ohne Angst haben zu müssen, verfolgt zu werden. Mit der neuen Freiheit muss man aber auch lernen umzugehen.

Und heute? Die Schauspieler setzen sich auf den Rand der Bühne und stellen sich vor.
“Eu sunt Ana. Sunt 1/4 unguroaică și sunt în a doișpea’.” (Ich bin Ana. Ich bin 1/4 Ungarin und gehe in die Zwölfte’.”) (Ana Cucu)
“Bunicul meu este din Buzău. Sunt Lorena, am 17 ani și sunt româncă.” (Mein Großvater ist aus Buzău. Ich heiße Lorena, bin 17 Jahre alt und Rumänin.) (Lorena Druia)
“Bunicul meu a fost cioban. Eu sunt Maria și am 17 ani și sunt româncă.” (Mein Großvater war Hirte. Ich bin Maria und ich bin 17 un Rumänin.)
(Maria Negrea)
“Meine Großmutter hatte 11 Geschwister. Ich bin Antonia. Ich bin Halb-Sächsin.”
(Antonia Tontsch)
“Teodora. Bunicul meu a avut o motocicletă. Sunt un sfert unguroaică.” (Ich bin Teodora. Mein Großvater hatte ein Motorrad. Ich bin ein Viertel Ungarin)
(Teodora Călin)
“Bunicul meu a fost militar. Eu sunt Remus și sunt român.” (Mein Großvater war Soldat. Ich bin Remus und ich bin Rumäne.)
(Remus Ducaru)

Und dann kommen die Fragen aus dem Publikum. Da die Vorstellung zweisprachig war, konnten auch die die kein Deutsch oder die die kein Rumänisch sprechen das Geschehen verstehen:
“Was habt ihr gefühlt, als in der Schlange gestanden seid?”
“V-ați gândit să duceți spectacolul și în școli? Acesta ar trebui văzut de cât mai multe persoane de vârsta actorilor.” (“Habt ihr daran gedacht das Theaterstück auch in Schulen aufzuführen? Dieses müsste von so vielen Schülern aus der Altergruppe der Schauspieler gesehen werden.”)

Wir stellen fest, dass viele Leute im Publikum sitzen, die die Geschichte der Minderheit noch nicht kennen, sich aber dafür interessieren und ins Gespräch kommen wollen. Auf Rumänisch, weil sie kein Deutsch können. Deutsch lernen aber ihre Kinder im Kindergarten oder in der Schule lernen.

Knapp 3 Monate später, die Krönung, in Kronstadt, durch das Kulturelle Konsortium Corona. Der Preis beweist erneut, dass die Geschichte und Kultur der deutschen Minderheit auch das breite kronstädter Publikum interessieren. Das Projekt zeigt, dass in einem passenden Rahmen, auch Jugendliche von heute sich mit der Geschichte – der eigenen aber eben auch mit der Kultur von anderen, mit dem Gedanken über das Heute in Anbetracht des Gestern und einem Ausblick auf Morgen – auseinandersetzen wollen. Es braucht nur einen passenden Brückenbauer, welcher es versteht die teils bedrückenden Geschichte, welche durch viel Bewegung, Tanz und Musik auf der Bühne ergänzt wurde, und der Gegenwart, eine Freiheit von welcher man früher nur träumen konnte, den Jugendliche welche der Minderheit ethnisch nur noch selten angehören, trotzdem aber Deutsch als Muttersprache lernen, in den passenden Kontext zu rücken. Und es braucht das Vertrauen, welches uns diesmal die Donauschwäbische Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg geschenkt hat, um solche Erlebnisse zu ermöglichen.

Die deutschen Schulen in Rumänien sind viel mehr als nur ein Sprungbrett zu einem gut bezahlten Arbeitsplatz. Es liegt eben an uns etwas daraus zu machen und die Zeichen der Zeit zu erkennen. Die Geschichte, die Entscheidungen und die Kämpfe der Generationen vor uns haben das beeinflusst, was wir heute sind und sein können. Wir sind davon geprägt und müssen das Beste daraus machen.

Das Plakat der Uraufführung